15/05/2026

Zuhören, Verantwortung und multilaterale Realität – Vom Salem Kolleg zur UN.

von Annika Amtenbrink
Als ich 2020 mein Abitur in Hamburg gemacht hatte, war die Welt plötzlich klein geworden. Die Pandemie hatte Pläne verschoben und Wege begrenzt. Ich wollte raus, reisen gehen, auch wenn klar war, dass das nicht sofort möglich sein würde. Das Salem Kolleg in Überlingen war eine der wenigen Optionen, die sich damals öffneten: weit weg von zu Hause, unter besonderen Bedingungen und doch offen. Dass mich dieser Weg Jahre später an Orte wie Genf, Paris und schließlich nach New York führen würde, konnte ich damals nicht wissen.

In Salem traf ich auf rund vierzig Kollegiatinnen und Kollegiaten, die – wie ich – auf der Suche nach ihrem eigenen Weg waren. Wir lebten zusammen, teilten Häuser, Mahlzeiten, Herausforderungenund einen intensiven Alltag. Unterschiedliche Perspektiven, Interessen und Konflikte gehörten dazu. Gerade darin lag für mich die zentrale Lernerfahrung: dass Zusammenarbeit nicht trotz, sondern wegen unterschiedlicher Positionen möglich ist – wenn man bereit ist, zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und Kompromisse auszuhandeln.

Diese Erfahrung wurde für mich zu einer Haltung, die sich dort für mich entwickelte und der ich in ganz unterschiedlichen Kontexten immer wieder begegnete – und die ich in vielen späteren Situationen anwenden konnte. Nach Salem studierte ich Human Rights an der Malmö University in Schweden, aus dem Wunsch heraus, Privilegien nicht als selbstverständlich zu begreifen, sondern daraus Verantwortung abzuleiten. Mein erstes Praktikum führte mich zur Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen (UN) in Genf, wo Vertreterinnen und Vertreter aller Mitgliedsstaaten gemeinsam internationales Recht und globale Normen verhandeln und beschließen. Ähnlich wie in meiner Zeit am Bodensee sah ich mich mit einer Situation konfrontiert, in der viele Einzelinteressen aufeinandertreffen und Kompromisse gefunden werden müssen – nur ging es diesmal nicht um Fragen der Sauberkeit in unserem Haus, sondern um Grenzkonflikte zwischen souveränen Staaten.

Nach einem weiterführenden Masterstudium an der Sciences Po in Paris ergab sich für mich die Möglichkeit, ein weiteres Praktikum bei der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der UN in New York zu absolvieren. Anders als in Genf, wo fachliche Routinen dominierten, erlebte ich die Arbeit bei der Generalversammlung der UN als deutlich politischer, dynamischer und unvorhersehbarer. Zugleich hatte sich seit Salem meine Vorstellung vom eigenen Weg geschärft – eine diplomatische Laufbahn schien für mich zunehmend der richtige nächste Schritt. Auch hatte sich die weltpolitische Lage seit meiner Zeit in Genf spürbar verändert: Geopolitische Spannungen hatten zugenommen, multilaterale Prozesse standen unter Druck, und die Arbeit der UN wurde politischer, konfliktreicher und sichtbarer denn je.

So auch während der 80. UN-Generalversammlung, wo ich im Menschenrechtsreferat arbeitete, die Verhandlungen im Dritten Ausschuss begleitete sowie an Resolutionen mitarbeitete und Paragrafen entwarf, unter anderem zu Kinderrechten und nationalen Menschenrechtsinstitutionen. Ich schrieb Berichte und Reden, analysierte Beiträge, erarbeitete Textvorschläge für deutsche Stellungnahmen und nahm an EU-Koordinierungen teil. Vieles davon geschah fernab der Öffentlichkeit, in langen Sitzungen und präzisen Abstimmungen. Ein besonders eindrücklicher Moment war für mich, in der General Assembly Hall zu sitzen, während Wolodymyr Selenskyj über Krieg, Verantwortung und internationale Solidarität sprach – und zugleich die russische Vertretung zuhörte, dessen Land gerade einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt.

In solchen Momenten wird internationale Politik greifbar. Was ich dort auf staatlicher Ebene erlebte, hatte ich in Salem im Kleinen gelernt: Unterschiedliche Akteure teilen gemeinsame Räume – und müssen trotz gegensätzlicher Interessen miteinander im Gespräch bleiben, so wie Russland und die Ukraine. Viele der Fähigkeiten, die ich mir in Salem angeeignet hatte – genaues Zuhören, das Aushalten von Spannungen und die Suche nach tragfähigen Kompromissen – erwiesen sich hier als unerwartet praxisnah.

Wenn ich heute auf meine Zeit bei den Vereinten Nationen zurückblicke, ist meine wichtigste Erkenntnis, dass internationale Politik von Menschen gemacht wird: von ihren Überzeugungen, ihren Fehlern, ihren Hoffnungen – und vor allem von ihrer Beharrlichkeit, auch wenn es von außen oft so wirkt, als blieben politische
Fortschritte aus. Ich habe gelernt, dass die größte Bedrohung für den Multilateralismus nicht im offenen Dissens liegt, sondern im Rückzug aus dem Dialog, wie es gerade mit dem Rückzug der USA aus diversen UN-Gremien veranschaulicht wird und wie mir schon beim Miteinanderleben in Salem klar wurde.

Gerade deshalb war der Einblick in jene unsichtbaren Prozesse prägend, die hinter verschlossenen Türen stattfinden und dennoch entscheidend sind, um Eskalationen zu begrenzen und Gesprächsräume offen zu halten.

Die Zeit in New York hat mich aber auch dazu gebracht, meinen eigenen Platz in diesem System zu hinterfragen. Ob ich immer noch Diplomatin werden möchte, weiß ich nicht mehr. Sicher ist für mich nur, dass diese Arbeit nicht für jede Person und nicht in jeder Lebensphase der richtige Ort sein muss. Die Vereinten Nationen sind eine große, komplexe Maschinerie, in der Veränderung oft langsam und indirekt geschieht. Und doch bin ich überzeugt, dass es diese Räume braucht – gerade jetzt. Vielleicht liegt genau darin auch die leise, aber unverzichtbare Bedeutung multilateraler Arbeit, im Sinne Dag Hammarskjölds, der einst sagte, die UN wurden nicht geschaffen, um die Menschheit in den Himmel zu führen, sondern um sie vor der Hölle zu retten.

Was auch immer mein weiterer Weg sein wird: Die Haltung, die ich in Salem gelernt habe – zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und den Dialog nicht aufzugeben – begleitet mich bis heute.

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